Multiple Mini-Interview (MMI)
Das Multiple Mini-Interview (MMI) ist ein strukturiertes Auswahlverfahren für die Zulassung zu Medizin- und Gesundheitsstudiengängen, bei dem Bewerberinnen und Bewerber mehrere kurze, unabhängige Gesprächsstationen mit wechselnden Prüferinnen und Prüfern durchlaufen.
Inhaltsverzeichnis
Definition Multiple Mini-Interview
Das Multiple Mini Interview (MMI) ist ein strukturiertes Auswahlverfahren, das aus mehreren kurzen, unabhängigen Gesprächsstationen besteht. Bewerberinnen und Bewerber durchlaufen nacheinander verschiedene Stationen, an denen jeweils unterschiedliche Prüferinnen und Prüfer soziale, kommunikative und ethische Kompetenzen bewerten.
Im Gegensatz zum klassischen Einzelinterview – bei dem eine oder wenige Personen über einen längeren Zeitraum befragt werden – erlaubt das MMI eine unabhängige Beurteilung durch mehrere Prüferinnen und Prüfer. Dadurch werden individuelle Beurteilungsverzerrungen (sog. Interviewer-Bias) reduziert.[2]
Entstehung und Hintergrund
Das MMI wurde ab 2001 an der Michael G. DeGroote School of Medicine der McMaster University in Ontario, Kanada, entwickelt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass traditionelle Interviewformate die spätere Leistung im Studium und im Arztberuf nur unzureichend vorhersagen. Patientenbeschwerden gegenüber Ärztinnen und Ärzten betrafen häufig nicht fachliche Defizite, sondern mangelnde nicht-kognitive Fähigkeiten wie Kommunikation, Empathie und professionelles Verhalten.
Nach einem Pilotversuch 2002 und formaler Einführung 2004 verbreitete sich das MMI zunächst in Kanada, Australien und Israel; seit den 2010er-Jahren wird es auch an deutschen Hochschulen eingesetzt.
Ablauf
Bewerberinnen und Bewerber durchlaufen einen Parcours aus in der Regel 4 bis 8 Stationen. An jeder Station steht ein anderes Szenario und ein anderer Prüfer bzw. eine andere Prüferin bereit. Die Bearbeitungszeit je Station liegt typischerweise zwischen 5 und 10 Minuten.
Zwischen den Stationen gibt es kurze Übergangsphasen. Eine Station kann vorab als Probedurchgang ausgewiesen sein und fließt dann nicht in die Bewertung ein. Das Gesamtverfahren dauert je nach Hochschule und Anzahl der Stationen zwischen 1,5 und 4 Stunden.
Ein Beispiel aus der deutschen Praxis: An der Universitätsmedizin Göttingen absolvieren Bewerberinnen und Bewerber zunächst ein zehnminütiges strukturiertes Einzelinterview mit zwei Professorinnen bzw. Professoren, gefolgt von vier je fünfminütigen standardisierten MMI-Stationen mit Simulationspatientinnen und -patienten.[1]
Typische Stationstypen
Die Stationen decken unterschiedliche Kompetenzbereiche ab. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über verbreitete Typen:
| Stationstyp | Beschreibung | Geprüfte Kompetenz |
|---|---|---|
| Rollenspiel | Bewältigung einer alltäglichen oder medizinnahen Situation mit einem Simulationspatienten oder einer Simulationspartnerin | Kommunikation, Empathie, Handlungsfähigkeit |
| Ethische Fragestellung | Stellungnahme zu einem gesellschaftlichen oder medizinethischen Thema (z. B. Organspende, Sterbehilfe) | Ethisches Urteilsvermögen, Argumentationsfähigkeit |
| Kommunikationsaufgabe | Übermittlung einer schwierigen Information oder Überzeugungsarbeit (z. B. Verhaltensänderung, emotionale Situation) | Gesprächsführung, Einfühlungsvermögen |
| Ersteinsatz / Notfall | Reaktion auf eine plötzliche Notfallsituation (z. B. Person braucht Erste Hilfe) | Stressresistenz, Entscheidungsfähigkeit |
| Patientenaufklärung | Erläuterung einer Diagnose oder Behandlung in verständlicher Sprache, ggf. unter erschwerenden Bedingungen | Verständlichkeit, Strukturierungsfähigkeit |
Fachspezifische medizinische Kenntnisse sind bei keinem Stationstyp Bestandteil der Bewertung.[1]
Bewertung
Jede Station wird von einer eigenen Prüfperson anhand einer standardisierten Checkliste bewertet.[1] Die Einzelbewertungen werden zu einem Gesamtscore aggregiert. An staatlichen deutschen Hochschulen muss das MMI-Ergebnis im Rahmen des Auswahlverfahrens der Hochschulen (AdH) mit der Abiturnote verrechnet werden. An der Universität Göttingen beispielsweise fließt der MMI/Interview-Score mit 49 Prozent, die Abiturnote mit 51 Prozent in das Gesamtergebnis ein – entsprechend den gesetzlichen Vorgaben.[1]
Studien belegen, dass MMI-Ergebnisse und Abiturnote häufig nicht miteinander korrelieren, was darauf hinweist, dass das Verfahren tatsächlich andere Eigenschaften erfasst als schulische Leistungen.[1]
Anwendung in Deutschland
Das MMI wird in Deutschland seit Mitte der 2010er-Jahre von einer wachsenden Zahl medizinischer Fakultäten eingesetzt. Dazu zählen u. a. die Universitätsmedizin Göttingen (seit Sommersemester 2013), die Universität Greifswald sowie private Hochschulen wie die Universität Witten/Herdecke.
Die Stiftung für Hochschulzulassung (hochschulstart.de) koordiniert das zentrale Vergabeverfahren für zulassungsbeschränkte Studiengänge, in dessen Rahmen das AdH und damit auch das MMI als Zulassungskriterium genutzt werden kann.
Das Bundesverfassungsgericht hat 2017 entschieden, dass die Zulassung zum Medizinstudium nicht allein an die Abiturnote geknüpft sein darf und weiteren Kriterien – darunter Auswahlgespräche – mehr Gewicht einzuräumen ist. Dies hat die Verbreitung des MMI in Deutschland beschleunigt.
Sonderform: IKM (Heidelberg)
Seit dem Wintersemester 2023/24 setzt die Medizinische Fakultät Heidelberg das Verfahren der Interaktionellen Kompetenzen Medizin (IKM) ein – ein MMI-basiertes Testverfahren, das auf dem wissenschaftlichen Konzept der emotionalen Verfügbarkeit beruht. Bewerberinnen und Bewerber durchlaufen mehrere MMI-Situationen mit Schauspielpatienten, die auf Video aufgezeichnet und anschließend von berufenen Juroren bewertet werden.[2]
Das IKM gilt für die Zusätzliche Eignungsquote (ZEQ), die 10 Prozent aller Studienplätze umfasst. Die Teilnahme ist freiwillig und kostenlos; das Ergebnis ist lebenslang gültig und derzeit nur an der Universität Heidelberg relevant.[2]
Kritik und Grenzen
Obwohl das MMI gegenüber dem klassischen Einzelinterview eine höhere Reliabilität aufweist, werden in der Forschungsliteratur folgende Kritikpunkte diskutiert:
- Unabhängige Studien haben sowohl geschlechtsspezifische als auch sozioökonomische Verzerrungen im MMI festgestellt.
- Der Einfluss gezielter Vorbereitungskurse auf das MMI-Ergebnis ist nicht abschließend geklärt.
- Der organisatorische Aufwand für Hochschulen ist erheblich höher als beim klassischen Einzelgespräch.
- Ein Großteil der Validierungsstudien stammt von der McMaster University selbst oder von ihr nahestehenden Einrichtungen, was als Interessenkonflikt bewertet werden kann.
Häufig gestellte Fragen
Welche Fähigkeiten werden im MMI bewertet?
Bewertet werden ausschließlich nicht-kognitive, sozial-kommunikative Kompetenzen: Empathie, Kommunikationsfähigkeit, ethisches Urteilsvermögen, Stressresistenz und Entscheidungsfähigkeit. Fachspezifisches medizinisches Wissen ist kein Bestandteil der Bewertung.
An welchen deutschen Hochschulen findet das MMI statt?
Das MMI wird u. a. an der Universitätsmedizin Göttingen, der Universität Greifswald und der Universität Witten/Herdecke eingesetzt. Die Universität Heidelberg nutzt seit dem Wintersemester 2023/24 eine MMI-basierte Sonderform unter dem Namen IKM (Interaktionelle Kompetenzen Medizin). Da sich die Zulassungsverfahren jährlich ändern können, empfiehlt sich eine direkte Prüfung auf der jeweiligen Hochschulwebsite.
Wie lange dauert ein MMI?
Die Dauer variiert je nach Hochschule und Anzahl der Stationen. Eine einzelne Station dauert typischerweise 5 bis 10 Minuten. Das Gesamtverfahren – inklusive Wartezeiten und ggf. einem vorgeschalteten Einzelinterview – kann zwischen 1,5 und 4 Stunden in Anspruch nehmen.
Kann man sich auf ein MMI vorbereiten?
Eine gezielte inhaltliche Vorbereitung ist eingeschränkt möglich, da die konkreten Szenarien vorab nicht bekannt sind. Sinnvoll ist es, sich mit typischen Stationsformaten vertraut zu machen, ethische Grundfragen zu reflektieren und Gesprächssituationen zu üben. Ob kommerzielle Vorbereitungskurse das Ergebnis signifikant verbessern, ist wissenschaftlich nicht abschließend belegt.
Quellen & weiterführende Links
- Universitätsmedizin Göttingen (Deutsches Ärzteblatt): Göttinger Auswahlverfahren für Medizin: Grünes Licht auch ohne 1,0-Abitur. Dtsch Arztebl 2014; 111(17).
aerzteblatt.de - Universität Heidelberg / heiTEST: Über die IKM – Interaktionelle Kompetenzen Medizin.
ikm-info.org - McMaster University, Student Success Centre: Multiple-mini interviews (MMI).
studentsuccess.mcmaster.ca. - Wikipedia (englisch): Multiple mini-interview.
en.wikipedia.org (abgerufen März 2026) – mit Verweis auf: Eva KW et al. (2004): An admissions OSCE: the multiple mini interview. Medical Education. - McGill University, Career Planning Service: Multiple Mini-Interview (MMI) – Additional Information.
mcgill.ca. - Zupanic M et al. (2015): Akzeptanz eines Multiple Mini Interviews im Auswahlverfahren Humanmedizin der Universität Witten/Herdecke. GMS Gemeinsame Jahrestagung GMA/AKWLZ.
egms.de. - Stiftung für Hochschulzulassung: Zulassung Medizin – Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH).
hochschulstart.de.
