Ist ein Vorsemester Medizin sinnvoll

Ist ein Vorsemester Medizin sinnvoll?

Ist ein Vorsemester Medizin sinnvoll
Natürlich kann man sich fragen, ob ein Vorsemester Medizin sinnvoll ist, wenn denn ein sehr gutes Abitur hingelegt worden ist und überdies im Netz zahlreiche Literatur zu finden ist, mit der man sich auf die diversen Tests im Selbststudium vorbereiten kann – wie auf den TMS, den HAM-Nat, den EMS (Schweiz) oder den MediAT (Österreich).

Es kann schon sein, dass dem Einen oder Anderen die dort zu findenden Hilfestellungen im Moment als ausreichend und zielführend erscheinen, einen dieser Tests mit sehr gutem Erfolg zu absolvieren und somit dem Ergattern eines Studienplatzes näher zu kommen. Und so finden sich natürlich Stimmen im Netz, die das Belegen eines Vorsemesters Medizin ganz generell für unnötig und überflüssig befinden. Schön für die, die in ihrer Selbsteinschätzung sich so sicher sein können! Und natürlich kann dieses Urteil eines Dritten leicht hergenommen und als Beruhigung unters Kopfkissen gelegt werden. Vielleicht aber liefe diese Haltung im Einzelfall auf ein sehr risikovolles „Spiel“ hinaus.

Ist von den o.g. Empfehlungsgebern bekannt, ob beispielsweise die Abiturausbildung durchgängig an einem Ort durchlaufen wurde oder ob ein Teil im Ausland stattgefunden hat, weshalb bestimmte Kernfächer wie Chemie oder Physik danach hier keine Fortsetzung gefunden haben? Sind in der Abiturphase möglicherweise auch falsche Entscheidungen getroffen worden – z.B. in der Wahl von Leistungskursen, weil der Studienwunsch Medizin sich erst relativ spät durchgesetzt hat? Ist jeder Lerntyp von vornherein gleichermaßen stark in Biologie und Mathematik? Sollte nicht jeder sich selbst befragen, ob und inwiefern er das große Missverständnis mit sich herum trägt, erfolgreiches Lernen sei auswendig büffeln, was bis zum Abitur ja auch ganz gut geklappt hat – auch wenn kurze Zeit später das Gedächtnis das jeweilige Kapitel gestrichen hat? Verfügt jeder wirklich über eingeübte Lerntechniken, mit denen die gewaltige Menge an Stoff im Studium bewältigt werden kann? Kann sich jeder von vornherein sicher sein, die erforderlichen Wege zum Verstehen und Anwenden in medizinischen Zusammenhängen zu finden? Wer ist schon an die Arbeit in Lerngruppen gewöhnt – aller Erfahrung nach ein unbedingtes Muss im Studium, wo doch bis zum Abitur eher der einsame Blick auf die eigenen Stiefelspitzen die Regel war?

Mit den oberschlauen Tippgebern ist es wohl ein wenig wie mit den Typus, den wohl jeder aus der Abiturzeit kennt: Da ist eine Klausur geschrieben worden, zu der lauthals verkündet wird, dass sie für ihn wohl sehr schlecht ausfallen werde – und genau in diesem Fall steht schließlich eine stolze EINS dahinter. Wem nützt also dieses Geschrei, außer dass es dem Schreihals sein Ego füttert?

Eine realistische Selbsteinschätzung ist für jeden selbst sowie für dessen Umfeld wohltuende Ausgangsposition, seinen Bildungsweg zu bestimmen.

Überdies ist wohl zu bedenken, dass keiner dieser Tests wiederholbar ist, d.h. klüger in der Selbsteinschätzung ist man erst danach – und dann kann man es nicht mehr ändern, wenn das Ergebnis des Tests nicht wie gewünscht ausgefallen ist, so dass letztendlich die Chance vertan sein könnte. Nun kann man sich auf keinen dieser Tests zu 100% vorbereiten – was wäre es sonst auch für ein Test, wenn die Frage schon vorher bekannt wären. Aber die Methodik, die Herangehensweise, das Arbeiten mit Zeitlimit etc., das kann sehr wohl vorab geübt werden. Dies schließt ein, sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Tests vertraut zu machen, um zu einer begründeten Entscheidung zu kommen, zu welchem Test man sich anmeldet. Beispielsweise steht bei dem TMS weniger die Notwendigkeit im Zentrum, zu rechnen, sondern zu denken und Zusammenhänge zu erkennen.

Überdies kann es bei ernsthaftem Studienwunsch Medizin ja nicht nur um das Sichern einer Eintrittskarte gehen, sondern dann soll natürlich auch der ganze Film ablaufen. So verständlich es ist, als Studienbewerber sich zunächst auf die Frage der Zulassung zu einem Studienplatz und somit auf die Frage der Zulassungstests zu konzentrieren, so berechtigt ist die Notwendigkeit, den Blick zu öffnen und das Gesamtvorhaben ins Visier zu nehmen.

Was nützt ein guter Bewerbungstest allein, wenn man zum Physikum „rausgeprüft“ wird – ein gängiger Begriff an den medizinischen Fakultäten, weil in der ungewohnten Fülle von Studienstoff ein Untergang mit Ansage nicht abzuwenden war?

Wenn ein Vorsemester Medizin auf Inhalte der ersten beiden Studienjahre und also des Physikums vorbereitet – beispielsweise in Anatomie, Physiologie und Biochemie (dem Angstfach schlechthin), so kann dies unter allen Umständen für einen erfolgreichen – und sicher auch weniger stressigen und risikovollen – Studienverlauf nur von Vorteil sein.

Man kann die Dinge auf sich zukommen lassen – man kann aber auch das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Beurteilen und entscheiden muss jeder für sich selbst – wie immer im Leben.

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