Wartesemester vor dem Medizinstudium

Wartesemester vor dem Medizinstudium

Ein Ärgernis mit Möglichkeiten!

Wartesemester vor dem Medizinstudium

Wer nach dem Abitur auf seinen Studienplatz Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin oder Pharmazie aus ist, muss sich mit einem mehrgliedrigen Zulassungsverfahren auseinandersetzen, das unter Umständen eine gehörige Anzahl Wartesemester hervorbringt – derzeit im Durchschnitt 14! Das dem NC unterworfene Zulassungsverfahren dreht sich um Abiturbestenquote, Wartezeitquote und Hochschulquote und scheint tendenziell eine sich weiter erhöhende Zahl an Wartesemestern zu generieren.

Dabei ist das gegenwärtig obwaltende procedere nicht so ganz einfach zu durchsteigen – aber recht umfangreich und gut erläutert auf der zentralen Webseite der bundesweit zuständigen Stiftung für Hochschulzulassung. [1]

 

In diesem Beitrag:
Die Quoten im Überblick
Die HZB-Durchschnittsnote
Entwicklung der Wartesemester für Medizin
Abkürzung kann ein Umweg sein
TMS und HAM-Nat
Auswahlgespräche nutzen
Wartesemester nutzen

Die Quoten im Überblick

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Vorabquote

Von allen zur Verfügung stehenden Studienplätzen werden etwa 12% als sogenannte Vorabquoten an folgende Bewerbergruppen vergeben:

  • Bewerber mit besonderer Hochschulzugangsberechtigung
  • Ausländische Studienplatzbewerber
  • Zweitstudienbewerber
  • Sanitätsoffizier-Anwärter der Bundeswehr
  • Härtefälle

Abiturbesten-, Wartezeit- und Hochschulquote

Von den verbliebenen 88% werden 20% der Studienplätze nach der Abiturbestenquote, weitere 20% nach der Wartezeitquote sowie die verbliebenen 60% nach der Hochschulquote vergeben.

Die HZB-Durchschnittsnote

Dieses Verfahren geht bei aller Mehrstufigkeit immer wieder von der zentralen Bedeutung der Abiturdurchschnittsnote aus, was natürlich auch Kritiker findet – wie z.B. mit dem Marburger Bund. Schließlich mag nicht jede Einzelnote, die in einer Abiturdurchschnittsnote Aufnahme gefunden hat, gleichermaßen Auskunft über die Eignung als Mediziner geben – und schließlich möchte wohl kein Patient einen Durchschnittsmediziner in der Nähe seines offenen Herzens wissen. Fachlich höchste Ansprüche und höchste moralisch-ethisch Verantwortung verlangen nach Spitzenkräften – und die muss das Medizinstudium hervorbringen – und am besten nur die.

Der Marburger Bund schlägt mit seinem „Masterplan Medizinstudium 2020“ neben der Forderung nach einer unbedingten Erhöhung der Zahl der Studienplätze u.a. vor: [2]

  • „Bildung einer Hauptquote aus Abiturbestenquote und Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH)
  • Einbeziehung weiterer Auswahlkriterien neben Abiturnote und andere Gewichtung
  • Auswahlverfahren bundesweit nach einheitlichen Standards
  • Überprüfung der Ausgestaltung der Wartezeitquote.“

Finde Deinen Weg

Nun ist dies Zukunftsmusik – wenn überhaupt! Und was nützen solcherart für 2020 ins Visier genommene Zielstellungen eines einzelnen Akteurs dem angehenden Studenten im aktuellen Wartestand? Der alte Musik-Barde Hannes Wader singt in einem seiner Lieder die Zeile: „Ein Wunsch der heiß und innig brennt, wird manchmal sogar wahr.“ Gut zu wissen – aber in Erfahrung zu bringen, was konkret zu unternehmen möglich ist, seinem Ziel durch aktives Handeln näher zu kommen, ist natürlich noch vielversprechender. Sind vielleicht bereits jetzt Elemente im Zulassungsverfahren auszumachen und zu nutzen, die den Wartesemestern zumindest zu einem Teil den Schrecken nehmen? Darauf Antworten zu suchen, zeugt zumindest davon, dass da ein Wunsch heiß und innig brennt. Welche Wege kann man finden!

Entwicklung der Wartesemester für Medizin

Übersicht Wartesemester Medizinstudium seit 2008

 SommersemesterWintersemester
20081010
20091011
20101312
20111312
20121312
20131312
20141312
20151314
20161414
20171515

Abkürzung kann ein Umweg sein

Die Suche kann zu Versprechungen auf eine „einfache Abkürzungen“ führen. An privaten und ausländischen Einrichtungen kann sich jeder über entsprechende Zahlungen in einen Studienplatz einkaufen. So hat man die „Plage“ mit den Wartesemestern los! Hoffentlich aber ist genau in diesem Fall und in aller Ehrlichkeit geprüft worden, ob der finanzielle Aufwand auch eine entsprechende Qualität eines verantwortungsvollen Mediziners erwarten lässt? Jedenfalls ist die in diesem Zusammenhang im Netz zuweilen vorzufindende Inaussichtstellung von „europaweit anerkannten“ Studienvoraussetzungen für alle öffentlich-rechtlichen Universitäten und Hochschulen schlechterdings Unsinn…

Studieren will gelernt sein!

Was kann der tun, für den dieser Weg der „Totalabkürzung“ der Wartesemester nicht möglich oder nicht gewollt ist?

Konkrete Hinweise erhält, wer in die einzelnen Beschreibungen zu den Auswahlverfahren der Hochschulen schaut. Dort kann man fündig werden auf der Suche nach Elementen, die zumindest in die Richtung der Vorstellungen des Marburger Bundes weisen und bereits heutzutage für den Studieninteressierten nutzbar sind.

Erste Voraussetzung für das Auffinden und Nutzen von Möglichkeiten, sich fit für das Medizinstudium zu machen, ist ein ungetrübter Blick auf die wirklichen Anforderungen in diesem Studium. Neben einer realistischen Selbsteinschätzung sollte die Erkenntnis sich Bahn brechen, dass bloßes Abiturwissen nicht reichen wird, im Studium gut zu bestehen.

Dies schließt die Auseinandersetzung mit dem wohl am weitesten verbreiteten Missverständnis ein, Studieren mit Auswendiglernen zu verwechseln. Was beim Lernen für das Abitur vielleicht noch ganz gut geklappt hat, verlangt beim Studieren nach neuen Lerntechniken und anderer Selbstorganisation. Sich selbst und die Inhalte zu sortieren und sich entsprechend zu organisieren – beispielsweise in Lerngruppen, ist mit Beginn des Studiums ein unbedingtes Muß! Die unglaubliche Fülle an Stoff „schreit“ z.B. danach, sich über sein Zeitmanagement Gedanken zu machen. Sicher ist gut beraten, wer sich frühzeitig und intensiv darum bemüht, seinen Stil, seine Methoden und seine Techniken des Studierens zu finden. Und dann kommt im Studium ja die Notwendigkeit praktischer Anwendung des Gelernten noch „oben drauf“! Da wird also ein unvergleichlich „dickeres Brett“ zu bohren sein als bisher.

Im wesentlichen stehen Dir an deutschen Universitäten und Hochschulen 2 Wege offen:

  1. Eingangstests
  2. Auswahlgespräche der Hochschulen

TMS und HAM-Nat

Mache aus dem Test ein Fest

Eingangstests, deren Ergebnisse mit der Abiturdurchschnittsnote „verrechnet“ werden, sind eine zentrale Möglichkeit, die Zahl von Wartesemestern zu reduzieren – und zwar über Leistung!
Der Test Medizinische Studiengänge (TMS) ist wohl am bekanntesten – und er ist von der übergroßen Mehrheit der Universitäten und Hochschulen in Deutschland akzeptiert. Und: Der TMS ist im Vergleich zu anderen Testvarianten (HAM-Nat, MediAT, EMS) der am ehesten komplex angelegte.

So wird beispielsweise schon nach medizinisch relevanten Zusammenhängen gefragt und die Merk- und Denkfähigkeit wird geprüft, während in anderen Tests der Fokus mehr auf naturwissenschaftlichem Wissen liegt. In jedem Fall empfiehlt sich eine genaue Recherche dazu, da die Ergebnisse des TMS an den Universitäten und Hochschulen jeweils anders gewichtet werden. Das Internet bietet die Möglichkeit, dies in jedem Einzelfall einzusehen [3]

Der Test für medizinische Studiengänge (TMS) kann nicht wiederholt werden.

Vielleicht lässt sich ein Hinweis auf die richtige Wahl des anvisierten Studienortes treffen? Nun ist der TMS beispielsweise nicht wiederholbar und schlägt nur mit dem gewünschten Effekt zu Buche, wenn er mit sehr gutem Ergebnis absolviert wird. Gut beraten ist sicher, wer sich vorbereitet. Abiturstoff in Naturwissenschaften wiederholen und in der Anwendung festigen und sich vor allem in die Methodik der Tests hineindenken, die unter Zeitvorgabe zu schreiben sind, kann kein Fehler sein. Ein Vorsemester Medizin kann Dir bei der strukturierten Vorbereitung eine große Hilfe sein.

Auswahlgespräche nutzen

Nominell sollen 60% aller Studienplätze von den Hochschulen selbst vergeben werden – und da finden sich, wenngleich durchaus sehr unterschiedlich von Einrichtung zu Einrichtung, mit der Durchführung von Auswahlgesprächen nutzbare Elemente, mit denen bereits jetzt das ansonsten „in Stein gemeißeltes“ Zulassungsverfahren partiell aufgebrochen werden kann. Wieder lassen sich unterschiedliche Auswahlregeln zur Erstellung von Ranglisten finden.

  • Ein Teil der Einrichtungen entscheidet bei der Erstellung von Ranglisten nur nach numerischen Regeln, in denen ausschließlich Zahlen regieren einschließlich Bonierung einer einschlägigen Berufsausbildung im medizinischen Bereich.
  • Aber immer mehr Einrichtungen öffnen sich breiter, indem sie bei der Erstellung ihrer Ranglisten die Ergebnisse von Auswahlgesprächen mit einbeziehen.

Einige Beispiele aus der Praxis

Der genannte Link [3] gibt Einsicht in Details der Verfahrensweise in den einzelnen Einrichtungen – und da gibt es manche Möglichkeit des Gestaltens zu entdecken.

Bei der Uni Göttingen bespielsweise findet sind die Ausführung:

„Die Auswahlentscheidung erfolgt auf Grundlage der HZB-Durchschnittsnote in Kombination mit dem Ergebnis des Auswahlgesprächs. Die Ergebnisse der Auswahlgespräche fließen in die Bewertung zu rund 49 % ein, die HZB-Durchschnittsnote zu rund 51 %.“

Oder bei der Uni Ulm lässt sich finden, dass

„0,1 Notenpunkte für eine oder mehrere besondere Vorbildungen/praktische Tätigkeiten (mindestens 6 zusammenhängende Monate) und außerschulische Leistungen und Qualifikationen, die über die Eignung für diesen Studiengang besonderen Aufschluss geben“

mit der HZB-Durchschnittsnote verrechnet werden können.

Bei der Charité geraten Fertigkeiten ins Visier, die einerseits sehr wohl den hohen Anforderungen an ein modernes Medizinstudium Rechnung tragen, aber andererseits weit über bisher verhandeltes Fachwissen sowie das formale Trainieren von „Kreuzen“ für Prüfungen im Multiple-Choice-Verfahren hinausgehen. Da ist die Rede von POL („Problemorientiertes Lernen“), von selbstständigem, problembezogenem Wissenserwerb, von KIT („Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit“) sowie von sozialen Kompetenzen, die an Simulationspatienten geschult werden.

„Der Modellstudiengang setzt neben einem hohen Maß an Eigeninitiative, Neugierde und Teamfähigkeit auch naturwissenschaftliches Grundwissen und Englischkenntnisse voraus“

– heißt es dort.

Nun mag jeder sich selbst die Frage stellen, welchen Platz Kompetenzen und Fähigkeiten solch` ganzheitlicher Natur bis zum Abitur eingenommen hatten?

Wartesemester nutzen!

Diese drei Beispiele mögen genügen, um deutlich zu machen, dass eine fachlich anspruchsvolle und ansonsten einem ganzheitlichen Wissenschaftsverständnis verpflichtete Vorbereitung auf das Medizinstudium niemals umsonst oder gar ein Fehler sein kann. Im Gegenteil: Neben dem Gewinn an fachlicher Kompetenz und sozialer Souveränität lässt sich die Zeit der Wartesemester nicht nur sinnvoll nutzen, sondern deren Zahl mitunter auch reduzieren.

Wer mit dem Arztberuf seine Berufung verbinden will, fängt damit nicht erst mit der letzten ärztlichen Prüfung an, sondern bereits mit der bewussten Wahl von Qualität in der Vorbereitung auf sein Studium. Darin kann eine gute Kehrseite von Wartesemestern bestehen.

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